Neues Leben am Ende der Welt

Kapitelsaal Tigilieto

Kapitelsaal Tigilieto

Sie liegt schon etwas abgelegen, hoch in den ligurischen Apenninen in einem einsamen Tal. Wer zu ihr will, verlässt die Autobahn von Alessandria kommend nach Genova-Voltri bei der Abfahrt Ovada oder von der Küste kommend in Masone. In der Ortschaft Rossiglione im Sturatal führt die enge und kurvenreiche Straße hinauf auf die Passhöhe und von dort wieder hinunter in das Tal der Orba zu der heutigen Ortschaft Tiglieto. Unten im Tal, jeseits der schönen alten mittelaterlichen Brücke über die Orba befindet sich auf einer weiten Talaue die Badia, die alte Abtei von Tiglieto.

1120 gegründet ist Tiglieto die erste Tochter der Primarabtei La Ferté und die erste Gründung der Zisterzienser außerhalb Frankreichs und in Italien. Vor über zwanzig Jahren war ich das erste Mal in Tiglieto. Die Gebäude waren damals noch in einem erbärmlichen Zustand. Es tat weh zu sehen, wie ein so wichtiges kunsthistorisches Monument einfach dem Verfall preisgegeben wurde. Immerhin gehört die Kirche von Tiglieto zu einer der ältesten und ursprünglichsten des Ordens. Freilich war ständig an ihr herum gebaut worden. Die Chorpartie war schon in der Barockzeit verfallen und abgerissen worden. Es steht heute nur noch das Langhaus. Den Eingang verlegte man in dieser Zeit auf die Ostseite, den Altar in den Westen. Das Innere der Kirche wurde barock umgestaltet, wie viele ligurische Dorfkirchen eben. Die Klausurgebäude gehören schon seit 1648 der Familie des letzen Kommendatarabtes Kardinal Raggio und wurde als Landhaus genutzt.

Im Sommer 2008 zog es mich wieder nach Tiglieto. Wieder die Kurven, wieder die Einsamkeit der ligurischen Berge. Doch der Besuch in Tiglieto überraschte mich. Die stark verfallenen Gebäude wurden in den vergangenen Jahren liebevoll hergerichtet. Mit Geldern der Genueser Bank CARIGE und der Region wurden die Gebäude wieder einigermaßen in Stand gesetzt. Vor allem die alte Kirche und der Kapitelsaal, aber auch die Reste des Kreuzgartens und die Außenanlagen wurden restauriert. Kirche und Kloster können inzwischen wieder besichtigt werden. Die Kirche betritt man nun wieder von Westen und das Portal im Osten wurde geschlossen, vor dem sich innen nun wieder der Altar befindet.

Besonders erfreulich ist jedoch, dass seit 2005 wieder Zisterziensermönche im ersten Kloster des Ordens in Italien eingezogen sind. Ein Mönch des Ordens begrüßte mich freundlich und erzählte mir, sie seien von der Abtei S. Bernardo alle Terme aus Rom hier her gekommen. Ein vortrefflicher Ort, denke ich. Die Ruhe und Abgeschiedenheit in den ligurischen Bergen und die Einfachheit der Gebäude vermitteln einen Eindruck davon, wie der Aufbruch des Zisterzienserordens einst über ganz Europa begann. Ein bißchen Honig und Kräuterlikör kann man im Klosterladen in der alten Sakristei erwerben, dazu Schrifttum und Kunstkarten. Und wer mag bleibt noch zum Stundengebet am Abend, bevor man dann hinaustritt in die Stille der Nacht im verlassenen Orbatal und die alte Klosterallee entlang geht zum abseits gelegen Parkplatz…(mehr)

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